Buch: Gnade spricht Gott... (Michael Striss)


(Sebastian) #1

Neues Italowestern Buch

KRITIK:

https://blog-fluxkompensator.de/gnade-spricht-gott-amen-mein-colt-buechner-verlag-buchvorstellung


#2

Danke fĂŒr die Info, sehr schön. Werde ich mir demnĂ€chst besorgen. Marcus Stiglegger ist voll des Lobes. Und wieder mal ein Buch, das man sich leisten kann, im Gegensatz zu den horrend teuren englischsprachigen Publikationen aus dem akademischen Bereich in den letzten Jahren.


#3

Bin heute mit Striss’ Buch fertig geworden. Lesen es auch andere Deutschsprachige hier im Forum? Eine Diskussion wĂ€re interessant: Zum Beispiel meint Striss, im Italowestern sei „auch eine offenkundige Mahnung erkennbar, wohin eine gottlose Gesellschaft fĂŒhren kann; wenn nicht gar ein impliziter Ruf zur Buße, zur Umkehr“ (S. 574).


(Stanton) #4

Klingt nach Interpretation mit dem Brechhammer 


Weiß nicht ob ich das kaufe,habe wahrscheinlich ohnehin keine Zeit es zu lesen, und inhaltliche Betrachtungen interessieren mich kaum noch.


(Sebastian) #5

Wie bzw. worin begrĂŒndet er das?


#6

Striss ist evangelischer Pfarrer, was klarerweise seinen Blick und seine Auslegungen bestimmt. Im konkreten Fall sieht seine Argumentation so aus: Der Italowestern zeige eine schlechte Welt, deren Institutionen, religiöse wie profane, dermaßen korrumpiert seien, dass „Erlösung“ nur außerweltlich möglich sei: So verstumme „am Schluss des Films [Striss meint hier Spaghettiwestern generell] keineswegs der Schrei nach Erlösung – weil die Welt sie grundlegend braucht und sie endgĂŒltig noch aussteht“ (S. 575). Mir als areligiösem Menschen sind derlei metaphysische LogiksprĂŒnge fremd, und Striss muss sich argumentativ teils gehörig verrenken, um den Italowestern-Fanboy in sich mit dem Pfarrer und Theologen in Einklang zu bringen. Aber gut, darauf beruht sein gesamtes Buch – mit dem (Gott-)GlĂ€ubige sicher mehr anfangen können als ein verirrtes SchĂ€fchen wie ich.


(Sebastian) #7

Interessanter wĂ€re fast noch eine Analyse, wie die ReligiösitĂ€t (was auf Italiener ja zutrifft, sogar auf die in den 60ern, grĂ¶ĂŸtenteils) mit der linken politische Ideologie (die auf die meisten italienischen Regisseure der Zeit zutrifft) zusammenpasst und was sich daraus ableiten lĂ€sst



#8

Genau. Sehe ich auch so (s. Pasolini). Am Rande der ErtrĂ€glichkeit wandelt Striss allerdings in jenem Abschnitt seines Buches, welcher der Darstellung von Frauen im Spaghettiwestern gewidmet ist. Da schreibt er: „In der Welt des Italowestern, in diesem Vorhof der Hölle, stapfen MĂ€nner ohne jegliche Sozialkompetenz [
] durch Unrat und Morast und tun das, was MĂ€nner eben tun (oder angeblich tun sollen) – und sei es noch so sinnlos“ (S. 145). Nicht nur in der Italowesternwelt, könnte man gleich denken, denn im realen Jammertal hienieden stellt sich die Situation doch ganz Ă€hnlich dar. Striss’ Schluss: „So mĂŒsste jede Frau dankbar sein, damit nichts zu schaffen zu haben und auch nicht dafĂŒr verantwortlich zu sein. Dass ihr in diesem Zusammenhang keine entscheidende Rolle zukommt, spricht nur fĂŒr sie“ (S. 145). Man versucht besser nicht, diese Folgerung Striss’ analog zu ĂŒbertragen in unsere (gegenwĂ€rtige) Welt, die nach wie vor von (weißen) MĂ€nnern dominiert wird – in allen Bereichen: Wirtschaft, Arbeit, Politik, Sport, Religion, Wissenschaft, Kunst et cetera – und deren „Unrat und Morast“ wohl nur jene nicht sehen und spĂŒren können, die einem umfassenden Trump-l’ƒil-Effekt oder Ă€hnlichen Gebrechen an Wahrnehmung und Geist erlegen sind. Also, liebe Frauen, die Arbeitswelt ist sowieso scheiße, seid froh und seht zu, damit nichts zu tun zu haben; Politik und Wirtschaft sind Haifischbecken; und beim Fußballspielen wird man nur verletzt, dreckig und beginnt nach Schweiß zu stinken. Dass viele mĂ€nnliche Figuren im Spaghettiwestern jede Menge Spaß haben, wĂ€hrend sie durch diesen „Vorhof der Hölle stapfen“, den Frauen dieser Spaß jedoch fast immer vorenthalten bleibt, ist fĂŒr Striss’ Darlegung ohne Belang. In diesem Sinn „verneigt sich der Freund des western all’italiana [d. i. Striss] gern vor Rosalba Neri, Evelyn Stewart, Loredana Nusciak [und anderen Darstellerinnen] und dankt ihnen fĂŒr eine vergangene Zeit, in der Frauen noch nicht nach Gender-MaßstĂ€ben beurteilt wurden, sondern einfach Frauen sein durften“ (S. 167). Die ErklĂ€rung, was das sein soll, einfach Frau sein, bleibt Striss schuldig – Gott sei Dank, denkt man sich.

Aus zunĂ€chst nicht nachvollziehbaren GrĂŒnden ausgerechnet ebenso in seinem Frauen-Abschnitt stellt Striss die Frage: „War Django homosexuell?“ (S. 158). Man ahnt: Nicht gerne fragt er das, vielmehr, so schreibt er, „muss an dieser Stelle auch auf dieses Thema eingegangen werden“ (S. 158, meine Hervorhebung). Denn: „Seitens einer in den letzten Jahrzehnten immer stĂ€rker in das öffentliche Bewusstsein gerĂŒckte [sic] Homosexuellen-Bewegung werden nicht selten Versuche unternommen, in der Geschichte, der Kunst und der Literatur Hinweise auf versteckte Gleichgeschlechtlichkeit zu entdecken bzw. in sie hineinzuinterpretieren“ (S. 158 f.). Und, horribile dictu, sogar „die Bibel ist von dieser Suche betroffen“ (S. 159), selbstredend „unter einem interessegeleiteten Blickwinkel“ (S. 159). Nun ist zwar ganz allgemein eine interesselose Suche schwer vorstellbar, im Italowestern wĂ€re aber selbst eine solche nicht von Erfolg gekrönt, denn „Beziehungen zwischen MĂ€nnern werden hier eher defizitĂ€r und als fragile, meist emotionslose Not- oder Zweckgemeinschaften dargestellt, die niemals [
] Zweisamkeit zwischen einem Mann und einer Frau ersetzen können“ (S. 159). Das wĂ€re dann also die Verbindung zwischen HĂ€ftlingen, SeemĂ€nnern, Soldaten, Cowboys und KopfgeldjĂ€gern: die emotionslose Notgemeinschaft.

Der Italowestern in Striss’ Sinn stellt ein unwegsames GelĂ€nde fĂŒr die interessegeleiteten Sucher_innen innerhalb „einer immer stĂ€rker sexualisierten Gesellschaft“ (S. 159) dar, denn im Gegensatz zur oben erwĂ€hnten, nicht offen erkennbaren NichthomosexualitĂ€t in den Not- und Zweckgemeinschaften „ist die offen erkennbare HomosexualitĂ€t im Italowestern meist negativ konnotiert“ (S. 159). Angesichts des jahrhundertlangen tabulosen, wohlwollenden Umgangs mit HomosexualitĂ€t in europĂ€ischer – nach Striss: christlicher – Kultur im Allgemeinen und in den populĂ€ren Unterhaltungsmedien des 20. Jahrhunderts im Speziellen muss diese Erkenntnis ein ziemlicher Schock gewesen sein. Und jetzt rĂŒcken die interessegeleiteten, aber erfolglosen Sucher_innen dem Italowestern auch noch mit einem „Modewort“, ja gar einem „Kampfbegriff gegenĂŒber Andersdenkenden“ (S. 159) zu Leibe: der „Homophobie“, nicht tauglich fĂŒr „ernsthafte Diskussion“ (S. 159).

Die Beantwortung der dem Kapitel seinen Titel gebenden Entscheidungsfrage, ob Django schwul war, umgeht Striss. Immerhin gibt er uns eine Ahnung, warum er diese Frage im Abschnitt ĂŒber Frauen platziert hat. „Auf [sic] auffĂ€lligsten wirkt das undurchsichtige VerhĂ€ltnis der von Klaus Kinski und George Hilton verkörperten MĂ€nner in DAS GOLD VON SAM COOPER. Kinski hat dabei offensichtlich den maskulinen Part inne, wĂ€hrend Hilton einen hörigen, unselbstĂ€ndigen Eindruck vermittelt“ (S. 161). Wenn Kinski der mĂ€nnliche Teil zufĂ€llt, dann bleibt fĂŒr Hilton der weibliche. Offensichtlich.

Im Ganzen ist Striss’ enzyklopĂ€dische Aufarbeitung des Italowesterns meistenteils ermĂŒdend: Da wĂ€ren die Haupt- und Nebenfiguren auf fast 180 Seiten, die Topografie, die Motivik, Requisiten und Rituale – ĂŒberwiegend Informationen und Betrachtungen, die Kenner_innen der englisch- und deutschsprachigen Literatur zum Spaghettiwestern vertraut sind. In seinen Überlegungen zieht Striss auch stĂ€ndig den US-Western, den klassischen Western Hollywoods, den amerikanischen Western als Kontrapunkt heran, ohne dessen Geschichte und VerĂ€nderungen von seiner Entstehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis Anfang der 1960er-Jahre mitzuberĂŒcksichtigen. Zwischen, sagen wir, Cecil B. DeMilles The Plainsman von 1936, William A. Wellmans The Ox-Bow Incident (1943), Anthony Manns Devil’s Doorway (1950), Marlon Brandos One-Eyed Jacks oder Michael Curtiz’ The Comancheros (beide 1961) und John Fords Cheyenne Autumn (1964) liegen nicht nur viele Jahre, sondern auch zahlreiche Mutationen dieses amerikanischsten aller Filmgenres.

Am spannendsten sind Striss’ AusfĂŒhrungen zu „spezifisch christlichen Themen und Traditionen“ ĂŒber mehr als 100 Seiten. Hier schaffen seine theologischen Kenntnisse einen Mehrwert, der Gnade spricht Gott – Amen mein Colt zu einer lesenswerten LektĂŒre macht.


#9

Lieber „Companero_M“,
mein Name ist Michael Striss. Ich bin ungeĂŒbt in der Kommunikation in Foren und sog. „sozialen Netzwerken“, da ich die analoge Welt noch immer der digitalisierten und virtuellen vorziehe. Deshalb habe ich fĂŒr das, was ich mitteilen wollte, auch die altbewĂ€hrte Buchform gewĂ€hlt.

Jetzt habe ich mich hier angemeldet, um Ihnen zunĂ€chst einmal herzlich zu danken. Sie haben mein umfangreiches Buch nicht nur gelesen, sondern sich offensichtlich auch ernsthaft und ausfĂŒhrlich damit auseinandergesetzt. Mehr kann sich ein Autor nicht wĂŒnschen. Da ist es auch zweitrangig, dass Sie in vielen Punkten gĂ€nzlich anderer Meinung sind als ich. Das ist völlig legitim und selbstverstĂ€ndlich. Mein Zugang zum Thema ist selbstredend nur einer von vielen. Was ich schreibe, ist das Ergebnis meiner persönlichen, zugegeben sehr ausgiebigen BeschĂ€ftigung mit dem behandelten Gegenstand. Ich habe mich bemĂŒht, die Ergebnisse dieser BeschĂ€ftigung und meine daraus gewonnenen Auffassungen so gut und ausfĂŒhrlich wie möglich zu begrĂŒnden (vielleicht ist es das, was Sie ermĂŒdet hat). Aber das ist alles. Der Leser macht damit, was er will.

Sie vermuten, dass „(Gott-)GlĂ€ubige“ mit dem Buch wohl mehr anfangen können als ein „verirrtes SchĂ€fchen“ wie Sie. Dazu muss ich sagen: Wenn Christen meine Zielgruppe wĂ€ren, wĂŒrde der Verlag wohl auf seiner Auflage sitzen bleiben. Ich persönlich kenne nicht einmal eine Handvoll Christen, die auch nur den Hauch einer Ahnung davon haben, was ein Italowestern ist. Meine Zielgruppe sind daher Menschen wie Sie - mit derselben Filmleidenschaft wie ich, die möglicherweise dafĂŒr offen sind, sich auch einmal mit den unĂŒbersehbaren religiös-christlichen BezĂŒgen in diesem Genre zu beschĂ€ftigen. Nicht mehr und nicht weniger. Wo es solche BezĂŒge nicht oder kaum gibt, steht auch nicht viel darĂŒber drin (Kap. GesetzeshĂŒter, Bestatter, Ärzte und Barbiere, Lehrer-SchĂŒler-RivalitĂ€ten, Waffen, Kleidung und Körperhygiene).

Zum Thema: Politische Anschauungen der Regisseure (hier auch an den Herrn Administrator): Auch darĂŒber habe ich geschrieben, vor allem im Kap. Revolution und Klassenkampf, aber nicht nur dort. Linksstehende Leute wie Leone, Corbucci u.a. zeigten sich zunehmend desillusioniert vom realen Kommunismus, der zwangslĂ€ufig immer wieder scheitern und zur Hölle werden muss, da er von einem falschen Menschenbild ausgeht. Die Protagonisten in „Todesmelodie“ und „Mercenario“ geben ĂŒber diese Desillusionierung deutlich Auskunft.

Ich weiß nicht, ob ich kĂŒnftig aus beruflichen GrĂŒnden die Zeit aufbringen kann, mich hier noch mehr zu Ă€ußern. Was ich zu sagen hatte, steht im Buch. Rechtfertigungen meinerseits sind auch nicht beabsichtigt. Aber hören und lesen, was andere darĂŒber denken, ist mir wichtig. Denn dazulernen kann und will ich auch.

Ihnen, lieber „Companero“, danke ich nochmals fĂŒr Ihre ernsthafte BeschĂ€ftigung mit meinen ErgĂŒssen – und dass Sie es schlussendlich trotz divergierender Auffassungen doch noch fĂŒr eine „lesenswerte LektĂŒre“ halten. Die GrĂ¶ĂŸe hat nicht jeder.


(Sebastian) #10

Lieber Herr Striss, vielen Dank jedenfalls dass Sie sich wiederum die Zeit genommen haben, um auf das Feedback einiger Leser und fast-Leser zu reagieren. Mehr kann sich ein Website-Inhaber wiederum nicht wĂŒnschen :slight_smile:


#11

Na ja, Herr Striss, gar so salbungsvoll und konziliant hĂ€tten Sie jetzt auch nicht antworten mĂŒssen, vertreten Sie doch in Ihrem Buch mitunter Positionen eines im Geiste alttestamentarischen, wehrhaften Christ_innentums. Und um die Usancen der Onlinekommunikation hier aufzuheben: Mein Name ist Martin Gastl, und ich lebe und arbeite als Textarbeiter (Lektor, Korrekturleser und Übersetzer) und als Musikant in Wien, bin 49 Jahre alt.


#12

Ah, SĂžren, @AvatarDK, ich wusste gar nicht, dass du Deutsch kannst. Dann wĂŒrde mich ja tatsĂ€chlich interessieren, warum du den Beitrag von Herrn Striss mit einem „like“ versehen hast. Ich darf also annehmen, du hast sein Buch gelesen.


(SĂžren) #13

Das ich Deutsch können ist vielleicht nicht ganz wahr aber ich verstehe genug das ich Filme mit Deutsche subs so und so verstehen kann und nicht zu komplizierte BĂŒcher lesen kann.

Ich habe nicht Michael Striss’s Buch gelesen und die ‘like’ habe ich nur gegeben als ich finde es toll das der Verfasser eine Buch hier drin kommentieren. Nicht mehr als das.


#14

Schade, dass du’s nicht gelesen hast. WĂ€re gespannt auf eine zweite Meinung gewesen.


(Grinder) #15

Ich lese das Buch z. Zt.
Bin ca. bei der HĂ€lfte angelangt
werde dann sicherlich mal ein kurzes Statement abgeben.
Wobei aber Buchrezensionen nicht so ganz meine StÀrke sind :wink: